Unsere Umwelt-Ethik2018-07-17T20:54:19+00:00

Tun wir genug für den Schutz der Erde?

Unsere ökologische Verantwortung als Wanderreise-Veranstalter in Irland

 

Glengarriff, Irland im Juli 2018

 

Wir sind Wanderlust Irland und wir haben Fragen an uns selbst. Können wir einen Urlaubsreise-Veranstalter betreiben, und sei er auch noch so klein, und uns gleichzeitig von der Verantwortung frei sprechen, zur ökologischen Zerstörung der Erde selber aktiv beizutragen? Schützen wir mit oder trotz unserer Arbeit die Umwelt genug? Oder sind wir ein Teil der zerstörerischen Wachstumsmaschine, die diese Welt für unsere Kinder und Enkel unbewohnbar machen wird?

Ist unser ökologischer Fußabdruck zu groß?

Diese Fragen treiben uns seit einiger Zeit um . . .

:: seit wir alle wissen, dass die Erde und mit ihr wir Menschen am ökologischen Abgrund stehen. Die Krise ist so vielfältig wie dramatisch und spitzt sich mit großer Geschwindigkeit zu: Die Vernichtung nicht-menschlichen Lebens durch Nutztier- und Agrar-Wirtschaft verursacht eine Massenausrottung der Tier- und Pflanzen-Arten. Die Meere sterben durch Plünderung und Plastikmüll. Der Klimawandel und die globale Erwärmung bedrohen alles Leben auf der Erde – dazu kommen ein ungebremstes Bevölkerungswachstum, gravierende Luftverschmutzung, Bodenverlust, Wasserknappheit und die globale Plastikmüllkatastrophe. Der von Menschen verursachte ökologische Kollaps naht – und wir machen einfach weiter, als ob nichts wäre.

Doch die Fragen der persönlichen Verantwortung drängen . . .

:: seit wir wissen, dass ein, zwei Flugreisen den Gewinn sämtlicher ökologischer Alltags-Tugenden und Feigenblätter, vom Wohnen im Passivhaus, über das lediglich symbolische Mülltrennen bis hin zum Fahren in der neuen Hybrid-Limousine, komplett zunichte macht.

:: Seit klar ist, dass wir als einzelne Menschen nur eine Chance haben: Das zu tun, was für für richtig erkannt haben, und damit uns und unser Verhalten zu ändern. Wir können die anderen nicht verändern – aber uns selbst schon.

:: Seit wir begriffen haben, dass Ausreden nicht mehr zählen. Wir sind zu weit gegangen, um uns den Luxus kognitiver Dissonanz und schlanker Ausreden noch leisten zu können. „Ist doch nicht so schlimm“ – „Man muss sich doch auch ein bisschen was leisten dürfen“ – Wenn ich das nicht mache, machen es andere“ – und so weiter . . .

:: Seit wir davon überzeugt sind, dass wir den Begriff der Freiheit im Konsum-Kapitalismus radikal überdenken müssen, weil es keine Freiheit ohne Verantwortung gibt.

Diese Fragen, einmal gestellt, lassen sich nicht wieder vergessen.

* * *

Wir sind in unsere Wahlheimat an der Küste Irlands gezogen, um hier in intakter Natur zu leben – abseits der Zerstörungen der sogenannten entwickelten Welt. Wir hatten deshalb von Beginn an immer das Ziel, die großartige Natur zu erhalten und zu ihrer Zerstörung nicht weiter beizutragen.

Klar, wir folgen einem strengen Umwelt-Kodex. Selbstverständlich, wir gehen achtsam und behutsam durch die Natur. Keine Frage, unsere Gäste loben uns überschwänglich für unsere Nachhaltigkeit. Und ja, wir sind nicht der Meinung, dass wir mehrere Male im Jahr in den Urlaub fahren müssen, weil uns unser Alltagsleben gerfüllt und uns immer auch genug Erholung ermöglicht. Doch reicht das?

Im eigenen Leben stellen wir Müllvermeidung vor Recycling, reparieren vor neu kaufen, Verzicht vor Konsum. Wir sind bewusst in ein bestehendes Haus gezogen und haben dieses für uns umgebaut, um den Flächenverbrauch zu begrenzen. Wir fahren Auto nur, wenn es sein muss. Wir leben im Winter bei 17 Grad Raumtemperatur und ziehen uns warm an. Wir sparen Strom und Gas, wo immer es möglich ist.

Für unser kleines Wander-Unternehmen überzeugen wir pro Jahr 150 bis 200 Menschen, aus dem deutschsprachigen Europa für eine oder zwei Wochen nach Irland zu reisen, um bei uns Wander-Ferien zu machen. Die meisten Gäste reisen mit dem Flugzeug von Deutschland, der Schweiz und aus Österreich zu uns nach Irland.

In einem ökologisch noch eher wenig sensibilisierten Umfeld im ländlichen Irland haben wir immer versucht, unserer Verantwortung für die Natur gerecht zu werden. Wir haben die folgenden Firmen-Prinzipien entwickelt und verwirklicht:

 

Regionalität: Wir begrenzen unsere Aktivitäten auf die nähere Region unserer Wahlheimat und bewegen uns in einem Radius von maximal 60 Kilometern. Wir haben das Glück, in der landschaftlich vielfältigsten Region Irlands zu leben und verzichten darauf, Wanderungen auch in anderen Landesteilen oder in anderen Ländern anzubieten. Dadurch schonen wir Ressourcen, verlieren aber Wiederholer-Gäste, die mit uns gerne anderen Regionen Irlands erleben würden.

Behutsamer Transport: Unsere Gäste absolvieren immerhin keine Fernreise, wenn sie zu uns kommen. Sind sie erst einmal im Lande, holen wir sie zusammen mit einem von der Größe an die Gruppe angepassten Bus ab. Vor Ort versuchen wir, die Anfahrt-Wege zu den einzelnen Wanderungen möglichst kurz zu halten und gleichzeitig vielfältige Landschaften zu zeigen und abwechslungsreiche Erlebnisse zu ermöglichen. Und wir ermutigen Gäste mit Zeit, den Landweg und die Fähre zu uns zu nehmen.

Zu Fuß unterwegs: Die Natur unseres Geschäfts bedingt, dass wir mit unseren Gästen den ganzen Tag zu Fuß unterwegs sind: Wir wandern. Wir erkunden das Land Schritt für Schritt im Gehen. Das spart viele Ressourcen.

Selbstbeschränkung: Wir beschränken uns freiwillig nicht nur auf einen regionalen Aktionsradius, wir begrenzen auch die Größe unserer Gruppen auf – je nach Ferienart – acht, zwölf und im Maximalfall 18 Teilnehmer. Wir streben nicht nach ständig höheren Umsätzen und Profiten, sondern versuchen unsere Größe und unser Einkommen konstant zu halten – um nur das zu verdienen, was wir und unsere MitarbeiterInnen zum guten einfachen Leben benötigen.

Wir wollen keine Spuren hinterlassen: Privat leben wir in (kompostierbaren) Holzgebäuden, auf Wegen und Höfen verzichten wir auf Asphalt und auf Straßenbeleuchtung. Wir wollen möglichst wenig Spuren hinterlassen. Dasselbe Prinzip leitet uns, wenn wir mit Gästen in Irlands Natur wandern: Wir wollen keine Spuren hinterlassen. Wenn wir einen Ort wieder verlassen, soll er so aussehen, als wären wir gar nicht dort gewesen. Wir wandern leise, behutsam, achtsam und rücksichtsvoll. Wir nehmen nichts mit und wir lassen nichts zurück. Außer unsere Fußabdrücke, unsere Eindrücke und vielleicht ein paar Fotos. Wir greifen nicht in die Natur ein, beschränken uns auf das Betrachten.

Vegetarische und vegane Picknicks: Wir versorgen unsere Gäste jeden Tag mit einer kleinen kulinarischen Wundertüte: dem Wander-Picknick für unterwegs. Immer mittags werden an einem besonders schönen Ort die zur Dauernutzung geeigneten Lunch-Boxen geöffnet, um zu kosten, was es heute Feines gibt. Wir bereiten die Drei-Gänge-Picknicks selber zu. Sie sind immer vegetarisch oder vegan – und wir sind ein wenig stolz darauf, dass diese Picknicks zu den Highlights unseres Angebots zählen, und dass auch die leidenschaftlichsten Fleischesser am Ende der Wanderwoche ohne Mangel und voll des Lobes sind. Die Art und Weise, wie wir uns ernähren, bestimmt unser Schicksal – das gilt für jeden Einzelnen, aber auch für das Schicksal der Erde. Doch davon später mehr.

 

* * *

Nach der Bewertung aller Bemühungen steht die Frage, ob all dies reicht, um unserer ökologischen Verantwortung gerecht zu werden. Oder ist am Ende nur ein Reiseunternehmen, das seinen Betrieb komplett einstellt, ein ökologisch gutes Unternehmen?

Berücksichtigt werden muss auch, dass wir uns in einem komplexen Umfeld bewegen: Die Natur am irischen Atlantik ist zwar sehr viel intakter als vielerorts in Europa. Doch wir tragen zur deren Beanspruchung und Nutzung aktiv bei.

Zudem leben und bewegen wir uns an Irlands Atlantikküste an einem Ort, der noch viel natürlichen Reichtum hat, dafür aber wenig ökologisches Bewusstsein. Die Einsicht, dass dieses herrliche Fleckchen Erde unseren Schutz verdient, sickert erst ganz allmählich in das öffentliche Bewusstsein ein. Noch regieren hier die alten Wachstums-Dogmen von gestern ungebremst, noch wird ohne große Hemmung auf vielfältige Weise Natur zerstört – getreu den beiden viel gehörten Mottos: „Von dieser schönen Aussicht kann ich nicht abbeißen“ und „Wir haben doch mehr als genug davon“.

In diesem Umfeld geraten die eigenen Bemühungen auch dort an Grenzen, wo es um die Zusammenarbeit mit Partnern geht: Von einem Hotel vor Ort, das ein engagiertes Energiespar-Konzept umsetzt, lässt sich träumen – von einem Bus-Partner, der die Umrüstung auf Elektrobusse zumindest plant, genauso. Es gibt sie nicht. Noch nicht?

* * *

Was können wir persönlich tun, um die von uns verursachte Belastung der Umwelt möglichst klein zu halten, um unseren ökologischen Fußabdruck, so gut es geht, zu minimieren? Wir wissen heute, dass zwanghaftes Mülltrennen gar nichts bringt, das Vermeiden von Müll aber schon. Wir wissen, dass der Verzicht auf Einweg-Plastik im Alltag schwierig, aber auch möglich ist. Viel Üben bringt allmählichen Erfolg.

Wir wissen auch, dass es ökologisch sehr viel verträglicher sein kann, ein altes Auto einfach weiter zu fahren, anstatt dem Konsumzwang zu nachzugeben und eine unter höchstem Energieaufwand produzierte neue Diesel-Schummel-Karosse zu kaufen. Wir wissen auch, dass wir den Diktaten der Moden und der Maschen nicht verfallen müssen und mit relativ wenig Konsum gut leben können. Wir leben in isolierten Wänden und fahren mit Bus und Bahn statt mit dem eigenen Auto – und wir entsagen dem egoistischsten aller Fortbewegungs-Vehikel: Dem Wohnmobil. Doch bei alledem wissen wir trotz zahlreicher CO2-Rechner nicht, was wirklich einen großen Effekt erzielt und unsere eigene persönliche Umweltbilanz besonders stark verbessert. Oder doch?

Einer groß angelegten neuen Studie zufolge, die gerade im Wissenschafts-Journal Science veröffentlicht wurde, gibt es jetzt tatsächlich Klarheit darüber, was der einzelne Mensch tun kann, um seinen Anteil an der Umweltzerstörung mit einer einzigen Verhaltensänderung drastisch zu minimieren: Es ist nicht die Art und Weise, wie wir reisen, auch nicht die Art und Weise, wie wir wohnen oder Dinge konsumieren. Es ist die Art und Weise, wie wir essen: Wer keine oder wenige tierische Produkte isst, schützt unsere krisengeplagte Erde auf seine ganz eigene Weise am besten. Eine vegane Ernährung, eine Ernährung ohne Fleisch und Milchprodukte, zumindest aber eine vegetarische Ernährung, ist demnach das Gebot der Gegenwart.

Die Wissenschaftler um Joseph Poore von der Universität Oxford haben folgende global gültigen Fakten zusammen getragen:

Die globale Agrarwirtschaft, vorneweg die Nutztier- und Milchwirtschaft, ist der größte Umweltzerstörer. 83 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche weltweit werden für die Produktion von Fleisch und Milch genutzt. Dabei entstehen 60 Prozent der landwirtschaftlichen Treibhausgase, aber nur 18 Prozent aller Kalorien und nur 30 Prozent des gesamten Proteins. Durch Verzicht auf die Produktion von Fleisch und Milch könnte die global genutzte landwirtschaftliche Fläche um drei Viertel (75 Prozent) reduziert werden – und doch könnte die gesamte Welt-Bevölkerung mit pflanzlichen Lebensmitteln gut ernährt werden.

Zudem würde der Natur-Zerstörer Landwirtschaft wieder Flächen freigeben für Wildnis und Wildtiere. Mittlerweile sind 86 Prozent aller Säugetiere auf dieser Welt entweder Menschen oder Nutztiere. Die Zahl der Wildtiere ist auf jämmerliche 14 Prozent geschrumpft. Die Studie kommt zum Schluss: Eine vegane Ernährung hat wesentlich positivere Auswirkungen als der Verzicht auf Flugreisen oder die Anschaffung eines Elektroautos. Der Grund: Die pflanzliche Ernährung hat positive Auswirkungen nicht nur auf Treibhausgase und Klima, sondern auch auf die Bodenqualität, auf Überdüngung, Landverbrauch und Wasserknappheit.

Wir wissen also, was zu tun ist. Wir müssen unsere Ernährung ändern – zusätzlich zu all den anderen Anstrengungen, unsere Erde endlich wirkungsvoll zu schützen.

Wer aber will diese einfache Wahrheit hören – und dann auch noch danach leben?

Wir werden weiter dafür arbeiten.

Markus Baeuchle
Wanderlust

PS: Unser Wander-Umwelt-Kodex kann sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache heruntergeladen werden.