Newgrange – sasgenumwobener Ort in Irlands Osten. Foto: Tourism Ireland

 

Winter Solstice. Wintersonnenwende in Irland. Heute, am Freitag, dem 21. Dezember, haben wir bereits wieder den kürzesten Tag des Jahres erreicht. Jetzt steht die Sonne am tiefsten und die Zeit zwischen Sonnenaufgang (8:43 Uhr) und Sonnenuntergang (16:30 Uhr) misst weniger als acht Stunden. Natur- und Kultur-Interessierte schauen in diesen Tagen um die Winter Solstice natürlich wieder nach Newgrange im County Meath, und die Frage, die bewegt, lautet: Würde die aufgehende Sonne durch den Lichtschacht am Eingang des berühmten Hügelgrabs scheinen und die Kammer am Ende eines 24 Meter langen Ganges erhellen?

Wolken und Regen bei ungemütlichen 6 Grad beantworteten die Frage zumindest auch heute mit einem klaren nein. Es strahlte nichts am River Boyne. Wie im vergangenen Jahr, als die Wintersonnenwende in Newgrange als Groß-Event gehyped wurde. Gleich gibt es noch einmal das Video aus dem Jahr 2017. In diesem Jahr geht es ruhiger zu in der wichtigsten archäologischen Stätte Irlands in County Meath.  60 Losgewinner aus aller Welt wurden in den vergangenen Tagen nach Newgrange eingeladen, um dort im Inneren des Grabs auf das Licht zu warten.

Der sehr trockene Sommer dieses Jahres hat übrigens intensive Untersuchungen aus der Luft begünstigt. Die Dürre am Boden machte große Strukturen von bislang unbekannten Bauten im Umfeld der möglicherweise 5000 Jahre alten Anlage sichtbar. Die Archäologen fanden klare Beweise für mehrere große Holzbauten in direkter Nachbarschaft der Grabanlage. Ein Zwischenbericht zu den wichtigen neuen Erkenntnissen wurde gerade veröffentlicht.

 

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Erhellendes zu Newgrange und frische Thesen für den Dauer-Disput um Irlands berühmtestes frühgeschichtliches Monument lieferte heute vor zwei Jahren die Irish Times. Sie zitierte den früheren Staats-Archäologen Michael Gibbons mit Zweifeln an der historischen Darstellung von Newgrange und mit neuerlicher Kritik an der Rekonstruktion der Fundstätte durch Professor Michael O`Kelly in den 60er Jahren. Gibbons behauptet: Das Sonnen-Einfang-Spektakel am Morgen der Wintersonnenwende ist 50 Jahre alt – und keine 5000.  Der Lichtschacht über dem Eingang sei zusammen mit dem Eingang und der bizarren Quarzsteinmauer lediglich eine Interpretation von Professor Kelly. Die Menschen der Jungsteinzeit vor 5000 Jahren seien nicht in der Lage gewesen, eine solche Anlage zu bauen, schrieb der Archäologe Gibbons kürzlich in einem Fachaufsatz, und legt Indizien dafür vor, dass Newgrange weniger eine jungsteinzeitliche als vielmehr eine Anlage aus der Eisenzeit, und damit wesentlich jünger sei.

 

Newgrange. In der Kammer. Foto: Tourism Ireland

 

Michael Gibbons betonte vor allem: „Der Lichtschacht über dem Eingang ist nicht authentisch, er wurde während der Rekonstruktion in den 60-er Jahren fabriziert.“ So nimmt die Diskussion um Irlands „bedeutendstes jungsteinzeitliches Monument“, das gerne als „älter als die Pyramiden“ gefeiert wird, wieder Fahrt auf: Denn Gibbons ist kein Unbekannter. Er arbeitete lange in Staatsdiensten und war Co-Direktor des für die Monumente zuständigen Office of Public Works (OPW) und weiß deshalb als Insider, wovon er spricht. Schon seit Jahrzehnten wird kritisiert, dass bei den Arbeiten an Newgrange in den 60er- Jahren nicht die archäologisch möglichst korrekte Rekonstruktion im Vordergrund gestanden habe, sondern die Interpretation damaliger Projektionen. Das Team von Professor Kelly hatte eine Vorstellung von Newgrange und setzte diese mit modernen technischen Mitteln um: Benutzt wurden Stahl und Beton, um ein Bild von Newgrange, wie wir es heute kennen, in Szene zu setzen. Führende Archäologen bezweifeln jedoch, dass der Eingang und die Quarzsteinmauer jemals existiert haben.

Das alles stört die Besucher von Newgrange freilich wenig. Dass wichtige Elemente des berühmtesten irischen Monuments jünger als das Original-Disneyland in Los Angeles sein könnten (aus dem Jahr 1955), erwiderten Besucher des Winder-Sonnenwende-Events am 21. Dezember gegenüber der Irish Times mit einem mehr oder weniger ausführlichen na und . . .  Newgrange ist mehr denn je ein Besucher-Magnet ersten Ranges, die Führungen im Boyne Valley sind oft lange im voraus ausverkauft, erst recht. seit die Kampagne Ireland´s Ancient East massiv um Besucher wirbt.

 

Skellig Michael

Skellig Michael. Foto: Markus Bäuchle

 

Zusätzlich erhellend wirkt in diesem Sinne das Wissen um die treibende Kraft hinter den ursprünglichen „Erneuerungsarbeiten“ in Newgrange: Die Initiative kam von der staatlichen Tourismusbehörde Bord Fáilte Éirean. Völlig zu recht erhofften sich die Tourimus-Vermarkter in den 60-er Jahren einen erheblichen Besucher-Boom durch eine „visuelle Aufwertung“ von Newgrange. Da störte später wenig, dass die Bearbeitung der berühmten Grabanlage am Fluss Boyne in Fachkreisen traurige Bedeutung als eine der weltweit schlechtesten archäologischen Rekonstruktionen erlangt hat. Dieses Negativ-Prädikat teilt die irische Ostküsten-Ikone übrigens mit der berühmten steinernen Schwester im Westen des Landes: der Klosterinsel Skellig Michael, im Atlantik vor der Küste Kerrys. Auch dort hat die Phantasie der Restauratoren das archäologische Fachinteresse vernichtend besiegt und eine ganz neu-alte Realität geschaffen. Dass dies zumindest im kommerziellen Sinne bestens funktioniert, erkennt jeder, der sich seit dem Einsetzen des Starwars-Booms in Portmagee und Umgebung um ein Ticket für Skellig Michael bemüht.

Die gute Nachricht des Tages: Ab heute geht es bergauf. Die Tage werden wieder länger.

 

[ed21122016]